Eine wahre Geschichte.
Eine andere Version von "der verlorene Sohn" –
hier: der verlorene Vater von

Joseph von Jaden

Schon die alten Römer wussten: Pecunia nervus rerum est – das Geld ist der Lebensnerv aller Dinge.

Wer es besitzt, kann stolz und mutig durchs Leben gehen, wer keines hat, ist wie gelähmt.

Joseph von Jalan kennt die Sorgen und Nöte all jener Menschen, denen die Last der Mittellosigkeit auf den Schultern drückt.

In seiner Kindheit musste er die zerstörerische Kraft der Armut am eigenen Leibe erfahren. Wie niemand sonst kann er deshalb verstehen, was Hoffnungslosigkeit bedeutet.

"Aufzuwachen, und die Gewissheit zu haben, auch an diesem Tage wieder auf die sehnlichsten Wünsche verzichten zu müssen, ist das schrecklichste Gefühl, das es gibt", sagte er einmal zu einem Klienten. "Dieses Gefühl wünsche ich niemandem, auch nicht meinem schlimmsten Feind, denn unsere Zeit auf Erden ist viel zu kurz bemessen, um unseren Träumen hinterher zu laufen".

Heute leider nichtmehr setzt Joseph von Jalan seine unglaublichen, gewinnbringenden Fähigkeiten ein, um anderen Menschen zu einem Leben ohne finanzielle Sorgen zu verhelfen - es war enttäuschend für mich, sodass ich daran zweifle, ob er solche Gabe noch besitzt.
Dennoch möchte ich hier die Geschichte seiner Erstlingsjahre auf dem Web stehen lassen.

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Sommer 1920: Der Julitag verdämmerte in rotgoldenem Abendlicht. Über den blassblauen Himmel zogen ein paar zerrupfte Wolken, in den Wiesen zirpten Grillen, und die Blätter der Bäume rauschten leise im Wind.

"Morgen", sagte Richard von Jalan zu seiner jüngeren Schwester, "werde ich München verlassen".

Unvermittelt hatte der strahlende Abend seinen Glanz verloren. Sofie, die neben Richard am Ufer eines Baches saß, blickte erschrocken auf.

"Morgen? Aber warum denn?", fragte sie. "Du kannst mich doch nicht einfach im Stich lassen! Wo willst Du denn hin?"

"Ich gehe nach Amerika", entgegnete Richard, während er weit ausholte, um einen runden Kieselstein in das glitzernde Wasser zu schmeißen. "Ich habe es nun einmal satt, ständig am Rande des Existenzminimums zu leben. Unsere Familie hat doch schon seit langem kein Geld mehr. Was nützt mir mein Adelstitel, wenn ich trotzdem Tag und Nacht schuften muss, um mir hin und wieder ein Glas Wein oder einen Theaterbesuch leisten zu können. Das genügt mir einfach nicht. Ich will Spaß haben und meine Träume verwirklichen".

"Aber das kannst Du doch auch hier in Deutschland tun", konterte Sofie. "Du bist nicht dumm - ganz im Gegenteil. Ich bin mir sicher, dass Du hier einen Job finden wirst, der Dir die ein oder andere Mark einbringt".

"Das ist ja gerade das Problem", seufzte Richard und legte seiner Schwester einen Arm um die Schulter. "Die eine oder andere Mark genügt mir nicht: Ich möchte reich werden – wirklich reich! Und das kann ich nur in den Vereinigten Staaten schaffen. Wo sonst wird man vom Tellerwäscher zum Millionär?"

Am 18. 7. 1921 - genau ein Jahr nachdem er seiner Heimat und seiner Familie den Rücken gekehrt hatte - betrat Richard von Jalan in New York das elegante Sandsteinhaus des Verlegers Callaghan. An der Pforte empfing ihn ein junges Hausmädchen. "Mr. Callaghan erwartet Sie bereits", erklärte sie sachlich und eilte voraus, um die Tür zum Arbeitszimmer zu öffnen.

Jack Callaghan erhob sich beim Eintritt seines Besuchers. "Mein lieber Herr von Jalan, nehmen Sie doch bitte Platz", sagte er. "Darf ich Ihnen etwas anbieten?"

"Danke, gerne", entgegnete Richard und setzte sich in einen breiten, bequemen Ledersessel. Durch das Fenster konnte er die Schiffe über den East River ziehen sehen. Sein Gastgeber wies auf den Schreibtisch: "Der Vertrag liegt bereit. Wir können jederzeit unterschreiben!"

Richard lächelte und nahm einen Schluck Cognac. Nun, da die Erfüllung seiner Wünsche greifbar vor ihm lag, war es ihm ein Vergnügen, den entscheidenden Moment um ein paar Minuten hinauszuzögern.

Jack Callaghan hatte dafür Verständnis. Es gab im Leben eines Mannes Augenblicke, die es verlangten, ihnen mehr Zeit einzuräumen, als notwendig war. Er lehnte sich gegen den massiven Teakholz-Schreibtisch und betrachtete seinen Gast:

Wie auch bei ihrer ersten Begegnung ein Jahr zuvor, fiel ihm auf, wie gut Richard von Jalan aussah. Sein dunkles, volles Haar schien in Kontrast zu seinen klaren, hellblauen Augen zu stehen. Callaghan wusste, dass gutes Aussehen wichtig war, um Karriere zu machen. Dieser Mann, dessen war er sich sicher, hatte alles, um im schnellen Wettlauf um den Dollar erfolgreich sein zu können: Charme, Gewandtheit, Eleganz und ein betörendes Selbstbewusstsein.

Callaghan war stolz auf seinen Fang. Er hatte Richard auf einer Party der New Yorker Gesellschaft kennen gelernt. Damals war er der ständige Begleiter der schönen Laura Woodword gewesen, einer verwitweten Bankiersgattin, die ihn überall dorthin mitnahm, wo sich die High Society traf.

Als einer der reichsten Verleger der amerikanischen Ostküste suchte er zu dieser Zeit gerade nach einem zuverlässigen Partner, Richard hingegen nach einem Weg, sehr schnell zu sehr viel Geld zu kommen.

Ein Jahr lang waren sie umeinander herumgeschlichen. Dann wusste Richard, dass Callaghan der Mann war, auf den er gewartet hatte, und Callaghan hatte sich ein Bild von Richard gemacht: clever, schnell, ausgestattet mit jener Mischung aus Skrupellosigkeit und Loyalität, die einen Menschen unaufhaltsam voran bringt.

"Sagen Sie, was erträumen Sie sich vom Leben?", fragte Callaghan seinen Besucher. Richard von Jalan lachte. "Eine Million Dollar", erwiderte er. Dann stand er auf, und setzte seinen Namen unter den vorbereiteten Vertrag.

Zwei Jahre später - am 25. August 1923 - fand in New York eine prunkvolle Hochzeit statt. Richard von Jalan ehelichte die 18-jährige Felicia Callaghan und sah sich endlich am Ziel seiner Träume. All seine Wünsche waren innerhalb kürzester Zeit in Erfüllung gegangen: Er besaß Einfluss, Geld, teure Autos und ein schönes Haus am Riverside Park.

Jack Callaghan hatte gegen die Verbindung nichts einzuwenden gehabt, im Gegenteil, sie passte sogar wunderbar in seine Pläne. Als Familienmitglied war Richard von Jalan nun dauerhaft an den Verlag gebunden. Er übernahm die Führung der Geschäfte, während sich sein Schwiegervater beruhigt auf seinen Landsitz nach Kalifornien zurückzog.

"Alles verläuft nach Plan", schrieb Richard kurz nach der Hochzeit in einem Brief an seine Schwester Sofie. "Wir führen ein Leben, wie es glamouröser und spannender nicht sein könnte - mit Partys, Empfängen, Champagner und Kaviar! Gestern habe ich sogar dem Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten die Hand geschüttelt! Glaube mir, es hat sich gelohnt, die Heimat zu verlassen. Nicht, weil ich all die Annehmlichkeiten dieses Lebens nur für mich selber nutzen möchte - ich spende zum Beispiel regelmäßig an ein Obdachlosenheim hier um die Ecke - sondern, weil es mich beruhigt zu wissen, mir theoretisch all das leisten zu können, wonach mein Herz begehrt. Eines, meine kleine Sofie, musste Du nämlich verstehen: Geld zu haben ist ein wahrer Segen. In Liebe, Richard".

Doch das Glück der jungen Familie von Jalan währte nicht lange. So wie viele andere amerikanische Unternehmer und Privatleute, hatte Richard den steilen Anstieg der Aktien-Kurse Mitte der 20er Jahre genutzt, um große Teile des Firmenvermögens in Börsengeschäfte zu investieren. Der CallaghanVerlag besaß Aktienpakete, die den Wert ihrer Einlagen bei weitem übertrafen und zunächst für grandiose Gewinne sorgten.

Im Jahre 1928 begannen die Kurse in Europa je-doch langsam zu sinken.

"Du sollest vorsichtig und diskret anfangen, Aktien abzustoßen", riet Jack Callaghan seinem Schwiegersohn bei einem Besuch. "Vertrau mir, ich weiß wovon ich spreche".

"Aber warum? Alle Welt kauft Aktien!", entgegnete Richard. "Hier in Amerika steigen die Kurse nach wie vor".

"Eben, gerade das stimmt mich ja so nach-denklich", seufzte Jack. "Auf dem Geldmarkt, mein Junge, bin ich ein alter Hase, und wenn ich eines im Laufe meines Lebens gelernt habe, dann das: Auf einen solchen Boom wie wir ihn im Moment erleben, kann nur ein Absturz folgen - und der wird in die allertiefsten Tiefen führen. Das klare Gesetz von Aufstieg und Fall! Natürlich kauft jeder Aktien. Nichts ist leichter als das: Zehn, zwanzig Prozent Anzahlung, den Rest auf Kredit. So schaukelt sich dieses Wunder immer höher. Aber irgendwann in naher Zukunft wird der Zeitpunkt kommen, an dem die Börsenmakler plötzlich anfangen, die Kredite einzutreiben. Seit 1923 sind die Kurse auf das Dreifache angestiegen.

Jedem muss klar sein, dass der Höhepunkt irgendwann überschritten ist. Wenn ein solches Gefühl erst einmal aufkommt, fallen die Kurse sofort. Die Makler werden panisch ihr Geld fordern, und die Schuldner müssen ihre Aktien verkaufen, um ihre Verpflichtungen einlösen zu können. Verkaufen müssen heißt immer verschleudern.

Die Kurse fallen weiter, es kommt zu Panikver-käufen, der Dollar stürzt - nicht auszudenken!

Ich bin eine vorsichtige Natur, Richard. Mir wird hier inzwischen zu hoch gepokert. Ich glaube an Höhenflüge, aber ich glaube auch an den ganz großen Crash. Also tu mir den Gefallen, und nimm Dir meinen Ratschlag zu Herzen. Stoße Deine Aktien nach und nach ab und investiere lieber in Grundstückskäufe!

Ich weiß, dass ich kein Recht habe, Dir etwas vorzuschreiben. Du allein führst nun die Geschäfte des Verlages. Trotzdem liegt mir viel daran, dass dieses Unternehmen auch in Zukunft schwarze Zahlen schreibt. Schließlich habe ich es aufgebaut."

Richard hatte den Ausführungen seines Schwieger-vaters schweigend zugehört. Tief in seinem Inneren wusste er, dass der alte Mann Recht behalten würde. In Europa bröckelten die Kurse bereits seit Wochen - ein schlechtes Zeichen, das sich früher oder später auch auf den amerikanischen Markt auswirken würde, dessen war er sich sicher.

Dennoch gelang es ihm nicht, nach seiner Überzeugung zu handeln. Im Gegenteil: Aus irgendeinem Grunde hatte er das Gefühl, sich gegen Jack Callaghan behaupten zu müssen.

"Ich glaube, Du siehst das alles etwas zu dramatisch", sagte er und lehnte sich lässig in seinem teuren Ledersessel zurück. "Die Leute sind nicht so naiv, wie Du vielleicht denkst. Sie werden wissen, was sie im Falle eines Falles zu tun haben, damit so etwas nicht geschieht. Ich für meinen Teil werde auch weiterhin Aktien kaufen. Das Potential ist noch lange nicht ausgeschöpft".

"Wir werden sehen", entgegnete Jack.

Es kam, wie es kommen musste: Am 24. Oktober 1929 begannen die Kurse an der Wall Street zu sinken. Auf die ersten Panikverkäufe hatten die Banken noch blitzschnell reagiert, indem sie Notfonds einrichteten und Unmengen von Aktien zum alten Kurs aufkauften.

Sie erreichten damit eine trügerische Stabilisierung, die am Dienstag, dem 29. Oktober, zusammenbrach. Die Kurse stürzten mit solcher Geschwindigkeit, dass die Anzeigetafeln in der Börse mit dem Aufzeichnen nicht mehr nachkamen. Die tödliche Spirale drehte sich von Minute zu Minute schneller und riss Hunderttausende mit sich.

Richard von Jalan erlebte den schwärzesten Tag seiner Karriere in seinem Büro im 18. Stock des Callaghan-Gebäudes. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt und alles verloren. Der Verlag stand vor dem Aus - genau wie er selber auch. Sein großer Traum von einem Leben in Wohlstand und Überfluss war von einem Moment auf den anderen zerplatzt.

Wie benommen schaute er sich in jenem Raum um, der für ihn zu mehr als einem bloßen Arbeitsplatz geworden war: All die protzigen Möbel, die eichenholz-getäfelten Wände, die Perserbrücken auf dem Fußboden und die alten Kupferstiche hinter dem Schreibtisch waren Symbole seines Erfolges, seines Reichtums, seiner Energie und seines schrankenlosen Selbstvertrauens.

Plötzlich wurde Richard bewusst, dass nichts davon übrig geblieben war. Fast schien es ihm, als sei ein Teil von ihm gestorben. Alles um ihn herum war mit einem Mal still, wie ausgestorben. Das leise Piepen aus dem Telefon und das Tikken der Standuhr machten die Stille erst deutlich.

"Die Zeit läuft ab", sagte Richard leise vor sich hin, "bald bin ich wieder arm! Sollte ich jemals Vater werden, will ich meinem Kind dieses Gefühl der Hilflosigkeit ersparen!"

An diesem Tage änderte sich das Leben der von Jalans. Auf den üblichen Festen mit Champagner, Musik und Tanz waren sie plötzlich nicht mehr vertreten. Der schwarze Freitag hatte die Reihen der New Yorker Schickeria gelichtet - eine Tatsache, die vielen wie ein böser Traum vorzukommen schien.

Schweren Herzens trennte sich Felicia von ihren kostbaren Juwelen und wertvollen Pelzen. Ihre Kleider trug sie ins Pfandhaus, um zumindest einen kleinen Teil der angestauten Schulden abbezahlen zu können.

Richard hingegen ließ sich nicht mehr auf der Straße blicken. Stundenlang saß er in jenem Raum, der einmal sein Arbeitszimmer gewesen war, und starrte gedankenversunken auf einen kleinen, vergoldeten Füllfederhalter – dem einzigen Relikt seines ehemaligem Wohlstandes.

"Es ist irgendwie eigenartig", schrieb er in einem Brief an Sofie, "obwohl Felicia ihr gesamtes bisheriges Leben in Luxus geschwelgt hat, fällt es ihr leichter, sich von all den Annehmlichkeiten zu trennen, als mir. Fast scheint es so, als habe sie nur darauf gewartet, endlich ein normales Leben führen zu können. Ein Leben, in dem sie ihr Glück selbst in die Hand nimmt.

Mir hingegen fällt es äußerst schwer, zu verzichten. jahrelang habe ich davon geträumt, zu einem reichen Mann zu werden, der imstande ist, seiner Familie jeden erdenklichen Wunsch zu erfüllen. Ich wollte zu meinen Kindern sagen können: Tut das, was wozu Ihr Lust habt - Geld spielt keine Rolle! Für eine kurze Zeit war ich diesem Traum sehr nahe, doch dann ist er mir aus den Händen geglitten. Aus eigener Schuld! Mein Schwieger-vater hatte mich gewarnt, aber ich war zu stolz, um seinen Rat zu befolgen.

Sofie, ich bin eine Versager - das weiß jetzt alle Welt! Die mitleidigen Blicke unserer ehemaligen Freunde kann ich nicht mehr ertragen. Deshalb haben wir beschlossen, im nächsten Monat nach Orlando zu ziehen. Felicias Großeltern besitzen dort ein kleines Reihen-häuschen, das wir mietfrei bewohnen können. Ich werde zunächst wieder als Postbote arbeiten - so wie ich es in Deutschland des öfteren getan habe. Du hast Recht, es ist ein ziemlicher Abstieg, aber letztlich immer noch besser, als mich in New York verspotten zu lassen. In Liebe, Dein Bruder".

Doch auch der Umzug nach Florida brachte dem Ehepaar kein Glück. Richard konnte seine Niederlage nicht vergessen. Die Arbeit als Postbote gab er bereits nach wenigen Wochen auf, sodass Felicia gezwungen war, ihren Lebensunterhalt alleine zu verdienen. Den ganzen Tag schuftete sie in einer nahegelegenen Fabrik, während sie am Abend todmüde ins Bett fiel.

Die Ehe litt unter der angespannten Situation. Zwei Jahre nachdem sie ihr altes Leben verlassen und ein neues begonnen hatten, stand Felicias und Richards Partner-schaft vor dem Aus.

"Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll", klagte die junge Frau im April 1932 Jack Callaghan ihr Leid. "Richard lässt niemanden an sich heran. Manchmal glaube ich, dass er in seiner eigenen Traumwelt lebt, in der alles noch so ist, wie früher. Ich habe beim besten Willen keine Idee, wie ich ihn in die Realität zurückholen kann, aber eines steht fest: Wenn sich nicht bald etwas ändert, wird unsere Ehe zerbrechen‘.

"Soweit ich mich erinnere, hat er doch immer davon gesprochen, einmal Kinder zu haben", entgegnete ihr Vater. "Vielleicht könnte ein Baby Eure Beziehung retten?"

Drei Monate später wurde Felicia schwanger und zum ersten Mal seit langer Zeit schlich sich ein Lächeln in Richards gequältes Gesicht.

Joseph von Jalan - benannt nach dem zweiten Vornamen seines Großvaters Jack - erblickte am 3.3.1933 um punktgenau 3.33 Uhr das Licht der Welt und brachte seinen Eltern das längst verloren geglaubte Glück zurück:

"Ich gratuliere", sagte ein junger Arzt, während er dem frisch gebackenen Vater auf die Schultern klopfte.

"Ihr Sohn ist ein wahrer Goldjunge - im wahrsten Sinne des Wortes! Er ist das 3000ste Kind, das in dieser Klinik geboren wurde. Und das am 3.3.1933 um 3.33 Uhr – was für ein grandioser Zufall! Der Chefarzt persönlich hat entschieden, eine Pressekonferenz zu organisieren, in deren Rahmen Ihnen ein Scheck in Höhe von 3.000 Dollar ausgehändigt werden soll. So zu sagen als Startgeld für das Glückskind aus der Glücksklinik!"

Felicia und Richard konnten kaum fassen, was da über sie hereinbrach. Alle örtlichen Zeitungen berichteten über das "Wunder von Orlando", Reporter fragten nach Fotos und Interviews, für die die Verlage bereit waren, hohe Summen zu bezahlen.

Fast schien es, als sei die Zeit zurückgedreht worden. Plötzlich und unerwartet stand das einstige Society-Paar wieder im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit – eine Tatsache, die Richard förmlich aufblühen ließ: "Das ist ein Zeichen", sagte er zu Felicia, "von nun an wird alles gut! Glaube mir, dieser kleine Bursche wurde uns vom Himmel geschickt! Ich habe mir immer ein Kind gewünscht, dem ich meine Liebe schenken kann, doch nun sieht es so aus, als sei ich in der Lage, ihm noch viel mehr zu bieten. Er soll all das bekommen, wovon Jungen seines Alters träumen: Ein Zimmer voller Spielsachen, ein Fahrrad, ein Baumhaus - wenn es sein muss, sogar einen eigenen Fußballplatz!

Was so ein bisschen Geld doch ausmacht! Endlich, mein Schatz, endlich fühle ich mich wieder als vollwertiger Mensch!"

Doch die Zeit der finanziellen Sorglosigkeit währte nicht lange. Nachdem das Interesse der Medien versiegt war, bat Felicia ihren Mann, einen großen Teil der erstandenen Summe sicher und gewinnbringend anzulegen.

"Keine Experimente! ", mahnt sie. "Es geht schließ-lich um die Zukunft unseres Sohnes".

Richard hatte sich fest vorgenommen, diesmal alles richtig zu machen. Nie wieder sollte ihm ein solcher Fehler, wie er ihm vier Jahre zuvor in New York unterlaufen war, das Genick brechen.

Auf dem Weg zur Bank tastete er mehrmals nach den dick gebündelten Geldscheinen, die er gut versteckt in einer Brusttasche unter seinen Pullover trug.

"3.000 Dollar", sagte er leise vor sich hin, "das ist eine ganze Menge! Genug, um Joseph den ein oder anderen Wunsch erfüllen zu können. Aber was ist, wenn der Junge später einmal studieren möchte? Vielleicht braucht er auch ein Auto oder eine eigene Wohnung. Dann wird das Geld schnell aufgebraucht sein. Heutzutage wird doch alles immer teurer".

Richard hatte den Gedanken kaum zuende gedacht, als er sich plötzlich, wie von einer fremden Kraft gesteuert, in einem Spielcasino wiederfand.

"Ich werde nur einen kleinen Betrag einsetzen", versuchte er sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. "Maximal 500 Dollar. Wenn es mir gelingt, die Summe ein paar Mal zu verdoppeln, sind wir aus dem Gröbsten raus!"
Am Ende verließ er das Casino mit 4 Dollar und 75 Cent.

Von diesem Tage an war es Richard von Jalan unmöglich, seiner Ehefrau in die Augen zu schauen.

"Ich kann Felicias vorwurfsvolle Blicke nicht länger ertragen", klagte er Sofie in einem weiteren Brief sein Leid. "Dabei weiß ich ganz genau, dass ich ihre Verachtung verdient habe. Zum zweiten Mal in meinem Leben habe ich mutwillig all unsere Ersparnisse aufs Spiel gesetzt. Ich habe die Zukunft meines einzigen und über alles geliebten Sohnes zerstört! Dieser Vertrauensbruch - dessen bin ich mir bewusst - ist mit nichts wieder gut zu machen, denn seither fehlt uns das Geld an allen Ecken und Enden.

Um wenigstens das Nötigste zum Leben zu haben, nehme ich jeden Job an, der sich mir bietet. Aber glaube mir: Es kommt nicht viel dabei herum. Erst jetzt merke ich, wie wichtig es ist, eine gute Ausbildung zu haben. Alles was ich kann, habe ich mir selber beigebracht. Jack Callaghan gab mir damals eine Chance, weil er an mich und meine Fähigkeiten glaubte. Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute zählen nur noch untadelige Referenzen. Und was habe ich schon vorzuweisen, außer einem millionenschweren Verlustgeschäft?

Ach Sofie, Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was es bedeutet, auf das Wohlwollen anderer Menschen angewiesen zu sein. Sicher, auch damals in Deutschland hatte ich nie viel Geld, aber es reichte, um mir ab und zu etwas Schönes gönnen zu können. Jetzt lebt meine Familie am Rande des Existenzminimums.

Es tut mir unendlich weh, wenn ich sehe, dass Felicia ihre alten, abgetragenen Kleider zum zehnten Mal stopft, um sie noch einen weiteren Sommer lang tragen zu können. Mitzubekommen, wie Joseph unter der ganzen Situation leidet, zerreißt mir jedoch fast das Herz!

Erst gestern kam er wieder weinend nach Hause, weil ihn die anderen Kinder auf der Straße gehänselt haben. Warum er nicht auch so tolle Turnschuhe bekommen könne, wie Michael und Peter sie hätten, hat er mich gefragt. Schließlich sei er doch immer ein braver Junge gewesen. Was, Sofie, was soll ich meinem Sohn darauf antworten? Ich habe wirklich keine Ahnung, wie lange ich seine traurigen Blicke noch ertragen kann. In Liebe, Dein Richard".

Es war ein sonniger Tag im Juni 1940, als Joseph - gerade sieben Jahre alt - freudestrahlend die Treppe zum elterlichen Wohnhaus hinaufgerannt kam. In der Hand hielt er ein weißes Blatt Papier, das er wild hin und her schwenkte.

"Mami, Mami", rief er aufgeregt, "stell Dir vor, unsere Lehrerin hat uns heute erzählt, dass wir morgen mit der ganzen Klasse einen Ausflug unternehmen. Wir wollen mit dem Zug zu einem See hinaus fahren, an dem man auch zelten darf. Abends grillen wir dann Würstchen und singen Lieder am Lagerfeuer - ganz so, wie richtige Pfadfinder. Du musst nur hier unten auf dem Zettel unterschreiben und mir morgen früh 3 Dollar mit zur Schule geben. Miss Pringle hat gesagt, das Geld sei für die Verpflegung".

Seine Eltern sahen sich schweigend an. Schließlich war es Felicia, die aufstand und dem Jungen behutsam über den Kopf strich.

"Hör zu, Joseph", sagte sie leise, "Dein Vater und ich müssen Dir etwas erklären. Weißt Du, das ist so: Bis vor kurzem hat Daddy in einer großen Fabrik gearbeitet, die Teile für Kraftfahrzeuge herstellt. Sein Chef war sehr zufrieden mit ihm, doch dann sind dem Mann, dem die Fabrik gehört, die Aufträge ausgegangen und er musste einige seiner Mitarbeiter entlassen - auch Deinen Vater. Jetzt bleibt uns nichts anderes übrig, als von dem Geld zu leben, das ich mit dem gelegentlichen nähen und ändern von Kleidungsstücken verdiene. Es ist nicht viel, aber es wird reichen, um fürs erste über die Runden zu kommen. Wir werden nicht hungern müssen! Trotzdem, Joseph, so leid es mir tut: Die 3 Dollar für Deinen Ausflug können wir zur Zeit nicht erübrigen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als Deine Lehrerin anzurufen und ihr zu sagen, dass Du morgen zu Hause bleibst".

"Das ist gemein", schrie Joseph und stampfte wütend mit den Füßen auf. "Immer muss ich verzichten. Die anderen Kinder bekommen alles, was sie sich wünschen, und ich darf nur von weitem zuschauen, wenn sie miteinander spielen. Kein Wunder, dass mich keiner leiden kann".

Mit diesen Worten rannte er an seinen Eltern vorbei und knallte die Haustür hinter sich zu.

Richard rang mühsam um Fassung. Seine Augen brannten, und ein riesiger Kloß im Hals schien ihm die Luft zum atmen zu nehmen.

"Ich kann das nicht länger ertragen‘, sagte er mit zitternder Stimme zu seiner Frau. "Ich bringe Euch doch nur Unglück!"

Gesenkten Hauptes verließ er das Zimmer. Als Felicia am nächsten Morgen erwachte, war sein Bett leer.

Ein sauber beschriebener Zettel mit der Überschrift "Für meinen Schatz" lag auf dem Kopfkissen.

"Sei mir nicht böse", stand darunter, "aber ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten, Euch leiden zu sehen. Ich musste gehen, damit Ihr Zwei eine Chance habt, ein neues Leben zu beginnen - ein Leben, ohne Kummer und Enttäuschungen.

Sag meinem Sohn, dass ich immer an ihn denken werde! In Liebe, Richard".

Von jenem Tage an schlief Joseph schlecht. Der Arzt, den Felicia konsultiert hatte, diagnostizierte eine posttraumatische Depression. Ein Grund dafür, so erklärte er, sei wohl das gestörte Verhältnis zu seinem Vater. Vermutlich gebe sich der junge die alleinige Schuld am Weggang der einzigen, männlichen Bezugsperson in seinem Leben. Felicia müsse nunmehr versuchen, die Rolle so gut wie möglich auszufüllen.

Abend für Abend saß sie darum am Bette ihres Sohnes und redete mit ihm über die Geschehnisse des Tages - ganz so, wie Richard es für gewöhnlich getan hatte. Oft dauerte es Stunden, bis Joseph endlich einschlief, nur um kurz darauf schweißgebadet und mit weit aufgerissenen Augen hochzuschrecken.

"Ich habe immer so komische Träume", verriet er seiner Mutter an einem stürmischen Abend im November. Der eisige Wind pfiff durch die undichten Stellen des kleinen Schlafzimmerfensters und die Holzläden schlugen mit lautem Getöse gegen die Hauswand.

"Meist fängt es ganz harmlos an. Ich sitze mit den anderen Kindern in der Schule und schreibe eine Mathematikarbeit. Alles ist ganz still, so dass man das Kratzen der Bleistifte auf dem Papier hören kann. Und dann geht es plötzlich los: Eine dumpfe, dunkle Stimme flüstert mir etwas ins Ohr. Erst kann ich sie kaum verstehen, doch mit der Zeit wird sie immer lauter und aufdringlicher. "Hör auf, hör auf", rufe ich, und halte mir die Ohren zu, aber die Stimme lässt nicht nach. Mein Kopf schmerzt und fühlt sich schwer an. Es ist, als wolle irgendetwas aus mir herausbrechen, doch mein Unterbewusstsein hält es zurück. Dann, wenn ich das Gefühl habe, es keine Minute länger aushalten zu können, wache ich auf".

"Das hört sich ja wirklich mysteriös an", sagte Felicia und strich Joseph über die dunklen, welligen Haare.

"Aber mach Dir keine Sorgen, diese Träume werden mit der Zeit verschwinden. Der Weggang Deines Vaters hat Dich sehr mitgenommen. Du stehst noch immer unter Schock. Da ist es doch kein Wunder, dass Du ab und zu schlecht schläfst. Eine Sache musst Du mir allerdings noch verraten: Wovon spricht diese seltsame Stimme?"

"Von Zahlen", antwortete Joseph. "Es sind immer dieselben Kombinationen!"

Es war an einem außergewöhnlich heißen Freitag im Mai, als sich das Schicksal der Familie von Jalan plötzlich und unerwartet zum Guten wendete.

Wie alle anderen Kinder der Stadt war Joseph nach der dritten Unterrichtsstunde nach Hause geschickt worden, um der erdrückenden Hitze des Klassenzimmers zu entgehen. Doch während die Nachbarsjungen Michael und Peter Timberlake zum Schwimmen an den See hinausgefahren waren, hatte er es vorgezogen, sich mit einem alten Buch auf die sonnengeschützte Veranda zurückzuziehen. Nur zu gut konnte er sich an das erniedrigende Gefühl erinnern, das ihn durchbohrt hatte, als im Jahr zuvor das Gummi seiner alten, geflickten Badehose gerissen war. Alle hatten ihn ausgelacht. Eine solche Blamage, so hatte er sich damals geschworen, sollte ihn nie wieder zum Gespött der Klassenkameraden machen.

Verträumt schaute der 8-Jährige über den kleinen Vorgarten hinweg, den Felicia mit bescheidenen Mitteln bepflanzt hatte. Die Sonne brannte heiß vom Himmel und ließ die Luft über der asphaltierten Straße flirren.

"Wenn ich jetzt genug Geld hätte, würde ich mir einen riesengroßen Swimmingpool mit eiskaltem Wasser bauen", dachte er, während ihm langsam die Augen zu fielen. "Das würde Mami bestimmt auch gut gefallen".

Als Joseph eine dreiviertel Stunde später erwachte, fühlte sich sein Hals rau und trocken an.

"Ich muss eingenickt sein", sagte er leise und rieb sich die Augen. "Sogar am Tage lassen mir diese seltsamen Zahlen-Träume keine Ruhe. Was hat das bloß zu bedeuten?"

Halb benommen von Schlaf und Hitze betrat er das Haus, um sich aus der Küche ein Glas Wasser zu holen. Er hatte das Wohnzimmer bereits durchquert, als er urplötz-lich stehen blieb. Irgendetwas war anders als sonst. Suchend schaute er sich um, bis sein Blick an einem roten Stück Papier hängen blieb, das unter einem Stapel alter Zeitungen hervor lugte.

"Ein Lotto-Schein", entfuhr es ihm "den hat Mami wohl vergessen. Sonst spielt sie doch jede Woche!" Gedankenversunken betrachtete Joseph die Zahlenreihen:

"9,16,17,25,32,36,49", schoss es ihm durch den Kopf. "9,16,17,25,32,36,49".

Seine Hand griff unwillkürlich nach einem Stift und machte sieben kleine Kreuze. Dann steckte er das Papier ein und verließ das Haus.

Eine Woche später war Felicia von Jalan wieder eine wohlhabende Frau!

Der Tatsache, dass Josephs Alpträume mit jenem Tage verschwanden, an dem er die Zahlen, die ihm sein Unterbewusstsein diktierte hatte, niederschrieb, maß niemand große Bedeutung zu. Viel zu überwältigend war die Freude über den unerwarteten Geldsegen. Felicia konnte ihr Glück kaum fassen:

"Endlich, Joseph, endlich brauchen wir nicht mehr jeden Cent dreimal umzudrehen! Ich kann mir mal wieder etwas Schönes zum anziehen kaufen, und Du bekommst all die Sachen, die Du Dir schon immer gewünscht hast. Ach Joseph, wenn das Dein Vater sehen könnte - er wäre überglücklich, glaube mir. Er hat ständig gehofft, Dir eines Tages ein solches Leben bieten zu können, wie wir es damals in New York geführt haben: Voller Luxus und Überfluss. Doch als er merkte, dass es ihm unmöglich sein würde, Deine Träume und Sehnsüchte zu erfüllen, ist er gegangen. Er dachte, er sei ein nichtsnutziger Versager, dabei hat er mir das schönste Geschenk gemacht, das man sich nur vorstellen kann: Einen wunderbaren und einzigartigen Sohn! Nur durch Richard bist Du so geworden, wie Du jetzt bist. Ein Teil von ihm steckt in Dir - und das kann nicht der schlechteste sein, denn Zeit Deines noch jungen Lebens hast Du uns stets Glück gebracht. Ganz ehrlich Joseph, wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich sagen, Du hast magische Kräfte!"

In der Schule sprach sich der plötzliche Reichtum der Familie von Jalan schnell herum. Joseph trug nun nicht mehr seine alten, zerschlissenen Hosen, sondern stets die allerneueste Mode.

Hatte er früher jedes Mal neidisch herübergeschaut, wenn die anderen Kinder ihre üppig belegten Pausenbrote auspackten, so konnte er sich jetzt all das kaufen, worauf er Appetit verspürte. Und kam einmal ein Junge oder ein Mädchen vorbei und fragte ihn, ob er einen Bissen seines Obstkuchens abgeben könne, so ging er los, und holte noch ein zweites Stück.

Geld zu haben war für Joseph keine Selbstver-ständlichkeit. Viel zu lange hatte er entbehren müssen, was den meisten seiner Klassenkameraden zur tagtäg-lichen Routine geworden war: Ein spontaner Kinobesuch, ein großes Eis mit Sahne oder ein Nachmittag am Badesee - für Joseph waren es die schönsten Dinge der Welt. Dieses Glück wollte er teilen. Niemand sollte jenes Gefühl der Ausgeschlossenheit verspüren, das ihn jahrelang gequält hatte.

Und so fiel es ihm anfangs kaum auf, dass er anderen Schülern immer wieder zu kleineren Geld-Gewinnen verhalf. Ob nun beim Frosch-Wetthüpfen auf dem Schulhof oder beim Bingo-Spiel im Gemeindehaus - Joseph wusste, was zu tun war, um schnellstmöglich zum Erfolg zu gelangen. Er schien gar nicht lange darüber nachdenken zu müssen. Der Weg zum Ziel war in seinem Kopf.

An einem kalten Montagmorgen im Dezember begegnete ihm seine Lehrerin Miss Pringle auf dem Gang zum Klassenzimmer.

"Joseph", sagte sie freundlich und zog ihn sanft beiseite, "ich muss dringend mit Dir sprechen. Es ist mir etwas peinlich, Dich um diese Sache zu bitten, aber ich habe von Deinen Mitschülern gehört, dass Du ein glückliches Händchen in Geldangelegenheiten hast.

Weißt Du, es ist nämlich so: Meine Mutter ist schon seit Jahren bettlägerig. Bisher hat sich immer eine Nachbarin um sie gekümmert, während ich morgens in der Schule war. Sie kannte meine Mutter noch aus der Jugend und wollte deshalb nie etwas für diesen "Freundschafts-dienst" - wie sie es nannte - annehmen. Doch jetzt ist die gute Frau selber schwer erkrankt und kann mir bei der Pflege nicht mehr unter die Arme greifen. Ich muss eine professionelle Krankenschwester engagieren, aber die verlangt natürlich eine Menge Geld. Mein spärliches Lehrerinnen-Gehalt reicht dafür nicht aus. Deshalb dachte ich, ich frage Dich einfach mal, ob Du irgendeine Idee hast, wie ich mein Problem lösen könnte".

Joseph sah Miss Pringle verwundert an. "Wie kommen Sie darauf, dass ich so etwas weiß?", fragte er.

"Nun", entgegnete die Lehrerin, "ich habe schon von so vielen Menschen gehört, dass Du ihnen großes Glück gebracht hast. Den Lotto-Gewinn, so sagt man, hat Deine Mutter nur Dir zu verdanken. Du scheinst mir ein junger Mann mit einer außergewöhnlichen Begabung zu sein.

Aber weißt Du was, denk doch einfach noch mal in Ruhe über die ganze Sache nach, und sag mir morgen früh bescheid, ob Dir irgendetwas eingefallen ist".

Gedankenversunken ging Joseph am Mittag nach Hause. Während des gesamten Unterrichts hatten ihn die Worte seiner Lehrerin beschäftigt, und auch jetzt hallten sie noch immer in seinem Kopf:

"Du scheinst mir ein junger Mann mit einer außergewöhnlichen Begabung zu sein ...außergewöhnliche Begabung ...außergewöhnliche Begabung..."

"Was heißt das eigentlich?", fragte er laut, so daß sich die Leute auf der Straße nach ihm umdrehten.

"Bin ich so etwas wie ein Wahrsager? Ich will kein Wahrsager sein, sondern nur ein ganz normaler Junge!"

Doch je mehr er sich anstrengte, die Tatsachen zu verdrängen, desto deutlicher erschien ihm die Realität.

Es passte alles zusammen: Seine schrecklichen Zahlen-Alpträume, die erst nach dem Lotto-Gewinn seiner Mutter verschwunden waren, die vielen kleinen Tipps und Ratschläge, mit denen er anderen zum Erfolg verholfen hatte. Dieses Wissen - es war einfach da, in seinem Kopf. Er wußte nicht woher es kam und warum es gerade ihn traf, nur, daß er es loswerden musste, um anderen Menschen zu helfen. Es war ihm ein tiefes, inneres Bedürfnis, denn wie niemand sonst konnte er die Sorgen und Nöte all derer verstehen, denen die ständige Geldnot die Freude am Leben nahm.

"Ich habe tatsächlich eine außergewöhnliche Begabung", gestand er sich ein, "und es ist meine Pflicht, mich für das Wohl meiner Mitmenschen einzusetzen!

Gleich morgen früh werde ich zu Miss Pringle gehen und ihr sagen, was sie zu tun hat, damit auch sie endlich glücklich wird!"

Im Alter von 17 Jahren verließ Joseph die Schule. Felicia hatte inständig gehofft, dass sich ihr Sohn entschließen würde, zu studieren.

"Wir haben doch genug Geld", sagte sie immer wieder. "Du könntest Arzt werden, oder Jurist. Eine gute Ausbildung ist heute wichtiger denn je! Das hat Dein Vater auch immer gesagt!"

Doch Joseph hatte andere Pläne: "Ich werde nach New York gehen", erklärte er ihr eines Morgens am Frühstückstisch. "Bitte reg Dich jetzt nicht auf! Ich habe mir das sehr genau überlegt. Es hat einfach keinen Sinn mein Leben mit Dingen zu vergeuden, die mir keinen Spaß machen. Ich will etwas von der Welt sehen und viele, interessante Menschen kennen lernen. Außerdem versuche ich schon seit langem Daddy wiederzufinden. So wie es aussieht, ist er damals, nachdem er uns verlassen hat, an jenen Ort zurückgekehrt, an dem er zum ersten Mal erfolgreich war".

"Das ist jetzt 10 Jahre her", entgegnete Felicia.

"Richard könnte mittlerweile sonst wo stecken. Wenn er Interesse gehabt hätte, uns wiederzusehen, wäre er doch längst aufgetaucht!"

"Ich werde mein Glück trotzdem versuchen", konterte Joseph. "Ich bin mir ziemlich sicher, daß er uns vermißt. Glaube mir, sobald er weiß, dass wir ihm verziehen haben, wird er sich melden".

Es war der 18. Juli 1950 - auf den Tag genau 30 Jahre nachdem Richard von Jalan zum ersten Mal einen Fuß auf New Yorker Boden gesetzt hatte - als Joseph die Metropole am Hudson River erreichte. Wie zuvor auch seinen Vater, schien ihn das Flair der Großstadt auf magische Weise anzuziehen. Das bunte Potpourri der unterschiedlichen Kulturen, die Insel Manhattan mit ihrem Bankenviertel rund um die Wall Street, der Broadway und seine zahlreichen Theater - Joseph vermochte nicht zu sagen, was ihn am meisten faszinierte. "Wahrscheinlich", so sagte er sich selber, "ist es die Kombination aus allem".

Er bezog ein winziges Appartement in der Nähe des Chelsea Parks. Seiner Vermieterin - einer älteren Dame mit grauem Haar und rundlicher Figur - war er am Bahnhof begegnet, als er sich, mit zwei schweren Koffern bepackt, nach dem Weg zu einem preiswerten Hotel erkundigte.

"Was haben Sie denn geplant?", hatte sie ihn mit einem freundlichen Lächeln gefragt. "Sie sehen aus, als wollten Sie für längere Zeit bleiben".

"Das stimmt", antwortete er. "Ich möchte mein Glück an der Börse versuchen".

"Na da haben Sie sich aber etwas vorgenommen!", lachte sie und klopfte ihm leicht auf die Schulter.

"Hier kommen tagtäglich junge Leute an, um Karriere zu machen, und nur den wenigsten gelingt es. Aber wissen Sie was, Sie machen mir einen. ordentlichen und vernünftigen Eindruck. Wenn Sie Interesse haben, kann ich Ihnen ein Appartement anbieten. Der Vormieter ist gerade letzte Woche ausgezogen. Es ist nichts besonderes, dafür aber preiswert und sauber. Sie können es sich überlegen!"

"Da gibt es nichts zu überlegen", entgegnete Joseph. "Ich nehme Ihr Angebot gerne an. Übrigens, mein Name ist Joseph, Joseph von Jalan".

"Von Jalan, von Jalan - irgendwie kommt mir dieser Name bekannt vor. Aber vielleicht irre ich mich auch.

Man trifft hier ja so viele Menschen - da kann man schon mal durcheinander kommen!"

Es dauerte nicht lange, bis Joseph eine Arbeitsstelle fand. Bekleidet mit seinem teuersten Anzug war er geradewegs zu New Yorks größtem Bankhaus gegangen und hatte sich vorgestellt.

Der Personalchef - ein kleiner, dicklicher Mann mit Brille und Schnauzbart - schien ihn auf Anhieb sympathisch zu finden.

"Wissen Sie, Joseph", sagte er, "ich halte nicht viel von diesen altklugen Universitätsabsolventen. In der Theorie sind sie alle brillant, aber wehe, es geht an die Praxis - da vergeht den meisten ihr selbstgefälliges Grinsen!

Für das Banken- und insbesondere für das Börsengeschäft braucht man Fingerspitzengefühl! Das Jonglieren mit Zahlen muss einem im Blut liegen. So etwas kann man nicht lernen! Deshalb schlage ich vor, wir probieren es einfach miteinander. Ich gebe Ihnen einen Monat Zeit, um Ihr Können unter Beweis zu stellen. Es liegt an Ihnen, was Sie aus dieser Chance machen".

"Ich werde mein bestes tun, um Sie nicht zu enttäuschen", entgegnete Joseph und reichte dem Personalchef die Hand. "Auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit!"

Er hatte nicht zuviel versprochen: Innerhalb der nächsten vier Wochen gelang es Joseph, der Bank zu einem derart großen Gewinnen zu verhelfen, wie es seit den "goldenen" 20er Jahren kaum jemand geschafft hatte.

An der Wall Street sprach man von dem "neuen Stern am Finanzhimmel".

Es war ein schwüler Spätsommerabend im September 1968, als Joseph müde und erschöpft den Flur zu seinem Appartementhaus betrat. Den ganzen Tag hatte er in stickigen Räumen verbracht, sein Oberhemd klebte an seinem Körper wie eine zweite Haut.

"Jetzt eine erfrischende Dusche und ein kühles Bier", sagte er leise, als er sich die Treppen zum vierten Stock empor schleppte. "Mehr brauche ich nicht, um glücklich zu sein!"

Doch gerade als er den Schlüssel im Schloss herumdrehen wollte, vernahm er ein leises, verzweifeltes Schluchzen. Es schien vom Dachboden zu kommen.

"Na gut", seufzte er hilflos, "dann muss das Bier halt noch ein paar Minuten warten".

Behutsam stieg er die knarrenden Holzstufen empor und öffnete die Tür zu einer kleinen Kammer, die ursprünglich als Wäscheraum gedacht gewesen war, nun jedoch allen Bewohnern als Abstellplatz für unliebsame Möbel und Gebrauchsgegenstände diente.

Seine Vermieterin saß weinend auf einer alten Holztruhe. Dicke Tränen rannen über ihre fülligen Wangen und versickerten in einem großen, karierten Stofftaschentuch.

"Aber Mrs. Neuwirth", rief er erschrocken, "was machen Sie denn hier? Soll ich Ihnen ein Glas Wasser holen?"

"Ach, Herr von Jalan", schluchzte sie, "das ist wirklich sehr nett von Ihnen, aber ich glaube, ein Glas Wasser kann mir bei meinem Problem nicht helfen.

Ich habe mich hierhin zurückgezogen, weil ich für kurze Zeit alleine sein wollte. Mein Mann soll nicht mitbekommen, wie traurig ich bin".

"Nun", entgegnete Joseph, "vielleicht erklären Sie mir erst einmal, was geschehen ist - reden kann gut tun! Und manchmal sehen die Dinge gar nicht so schlecht aus, wie sie einem selber auf den ersten Blick erscheinen".

"Na ja, gut", sagte sie, während sie sich die verquollenen Augen mit einem frischen Taschentuch betupfte, "da könnten Sie recht haben. Also es ist so: Mein Mann James und ich sind seit fast 50 Jahren verheiratet. Bisher verlief immer alles glatt in unserem Leben. Wir waren nie besonders reich, hatten aber stets genug Geld, um ohne Sorgen in die Zukunft blicken zu können".

"Und das ist jetzt nicht mehr so?", fragte Joseph. "Nein", entgegnete sie und begann erneut zu weinen. "James war in der letzten Woche beim Arzt. Es sollte eine reine Routineuntersuchung sein, doch dann kam heraus, dass er eine sehr schwere Krankheit hat. Seine einzige Chance sei eine baldige Operation, hat man uns erklärt".

"Nun ja", sagte Joseph, "so etwas kann einem natürlich Angst machen. Aber die Medizin ist doch heutzutage schon sehr weit fortgeschritten. So lange James operiert werden kann, besteht meiner Meinung nach eine berechtigte Hoffnung auf Genesung".

"Eben", schluchzte die Frau, "genau da liegt ja das Problem! Der Eingriff ist sehr kompliziert und wird derzeit nur von einem einzigen Spezialistenteam durchgeführt - in der Schweiz!"

"Verstehe", murmelte Joseph. "Wissen Sie was, Mrs. Neuwirth, Sie können James sagen, dass er anfangen kann, die Koffer zu packen! Ich werde die Sache jetzt in die Hand nehmen. Morgen früh komme ich bei Ihnen vorbei und erkläre Ihnen, was sie tun müssen, um auf schnellstmöglichem Wege an das Geld zu gelangen, das Sie für den Flug und die Operation benötigen.

Vertrauen Sie mir! In spätestens einer Woche sind Sie beide auf dem Weg nach Europa!"

Joseph hatte nicht lange nachdenken müssen, um auf eine geeignete Lösung zu stoßen. Sie lag praktisch direkt vor seiner Nase: "Kurzfristige Waren-Termin-Geschäfte an der Börse!", sagte er, als er am nächsten Tag im Wohnzimmer der Familie Neuwirth saß.

"Die sind zwar mit einem gewissen Risiko verbunden, aber was das betrifft, so können Sie meinem guten Gefühl ruhig vertrauen. Ihr Einsatz wird sich innerhalb der kommenden Woche verzehnfachen!"

Und auch diesmal kam alles so, wie Joseph es vorausgesagt hatte. Rose Neuwirth konnte ihr Glück kaum fassen: "Es ist ein Wunder", rief sie immer wieder, "ein wirkliches Wunder! Ach Herr von Jalan, wie können wir das jemals wieder gutmachen, was Sie für uns getan haben?"

"Indem Sie morgen ins Flugzeug steigen und beide gesund zurückkehren", entgegnete Joseph. "Das ist mir Dank genug!"

"Das werden wir ganz bestimmt tun", jubelte sie und drückte ihm einen feuchten Kuss auf die Wange.

"Aber bevor wir abreisen, muss ich Ihnen noch etwas beichten. Wissen Sie, da war gestern so ein aufdringlicher Mann an unserer Tür - ich glaube, er war Reporter. Er hat mir lauter eigenartige Fragen gestellt: Wie lange ich Sie schon kennen würde, woher Sie kämen, und so weiter. Ich hoffe, ich habe nichts falsches gesagt. Sie wissen doch, ich bin manchmal etwas geschwätzig."

"Na ja", sagte Joseph, "so schlimm wird es schon nicht werden. Machen Sie sich da mal keine Sorgen!"

"Nein ehrlich, Herr von Jalan, mir ist das wirklich sehr peinlich. Gerade weil ich doch auch Ihren Herrn Vater kenne".

"Sie kennen meinen Vater?", fragte Joseph erstaunt. "Richard von Jalan?"

"Ja, ganz recht. Gestern, nachdem der Reporter weg war, ist mir wieder eingefallen, warum mir Ihr Name von Anfang an so bekannt vorkam: Vor 10 Jahren hat hier schon einmal ein Herr von Jalan gewohnt. Er kam, genau wie Sie, aus Orlando". "Das gibt es doch nicht", sagte Joseph. "Sind Sie ganz sicher, dass wir von ein und demselben Richard von Jalan sprechen?"

"Ich denke schon. Wir haben uns ab und zu unterhalten, und er hat mir erzählt, dass er seine Frau Felicia und seinen Sohn Joseph verlassen habe, um ihnen nicht länger zur Last zu fallen".

"Ja, das hört sich tatsächlich ganz nach meinem Vater an! Haben Sie irgendeine Ahnung, wo er sich zur Zeit aufhalten könnte?"

"Nein, Herr von Jalan, tut mir leid! Fünf Jahre hat er in diesem Haus gelebt, und dann war er plötzlich verschwunden - wie vom Erdboden verschluckt. Das war im Mai 1945. Ich erinnere mich deshalb so genau, weil sie an diesem Tag im Radio durchgesagt hatten, daß der Krieg in Europa beendet sei. Vielleicht ist er ja zu seinen Verwandten nach Deutschland zurückgekehrt. Ich meine, er hätte hin und wieder davon gesprochen!"

"Sie haben mir wirklich weitergeholfen, Mrs. Neuwirth. Vielen, vielen Dank!"

Am nächsten Morgen erwachte Joseph vom Läuten der Türglocke.

"Oh nein, bitte nicht", murmelte er und zog sich die Bettdecke über den Kopf. "Laßt mich schlafen!"

Er hatte die ganze Nacht wach gelegen und nachgedacht, wie er es am besten anstellen könnte, Richard in Deutschland ausfindig zu machen. Nun brummte ihm der Schädel.

"Vielleicht verschwindet der Störenfried ja, wenn ich ihn einfach ignoriere", dachte er, und drehte sich genüßlich auf der Matratze um. Doch das Klingeln ließ nicht nach.

"Verdammt noch mal", fluchte Joseph und stolperte zur Tür. Als er sie öffnete, flackerte ihm helles Blitzlicht entgegen. "Herr von Jalan, nur ein paar Fragen: Stimmt es, daß Sie hellseherische Fähigkeiten haben? Wie kann man es schaffen, innerhalb weniger Tage zum Millionär zu werden? Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihr Klientel aus?"

"Kein Kommentar", antwortete er. Erst jetzt fiel sein Blick auf die Tageszeitung, die der Postbote am frühen Morgen unter der Tür hindurchgeschoben hatte.

"Joseph von Jalan", stand dort in großen Lettern geschrieben, "der weltweit einzige Gewinnwahrsager und sein bewegtes Leben".

"Das gibt es doch nicht", sagte Joseph ungläubig. "Die haben sogar mit meiner Mutter gesprochen. Und mit Miss Pringle!"

Von diesem Tage an hatte Joseph keine ruhige Minute. Das Telefon schien nicht stillstehen zu wollen, und sein Briefkasten quoll über vor Briefen und Post-karten. Menschen aus aller Welt klagten ihm ihr Leid, baten um Hilfe und Rat.

"Das kann so nicht weitergehen", sagte er zu sich selber, "ich kann nun mal nicht jedem helfen!

In Zukunft werde ich nur noch im Verborgenen arbeiten, und das Schicksal entscheiden lassen, für wen ich meine Fähigkeiten einsetzte!"

Im Mai 1969 verließ Joseph von Jalan New York. Er hatte niemandem Bescheid gesagt – weder Mrs. Neuwirth, noch der Bank. Keiner sollte wissen, wo er in Zukunft zu finden sein würde. Sein Flugticket nach Paris hatte ein Bote abgeholt.

"Endlich", rief er erleichtert, als er sich in die weichen Sitze der Concorde fallen lies, "jetzt beginnt ein neues Leben!"

"Ein neues Leben?", fragte sein Sitznachbar und blickte von einem Stapel geschäftlich aussehender Unterlagen auf. "Wie darf man das denn verstehen? Haben Sie etwa ihre Familie im Stich gelassen und wollen sich jetzt nach Europa absetzten?"

"Nein, nein", lachte Joseph, "ganz im Gegenteil! Ich möchte meine Familie wieder zusammen führen. Von Paris aus reise ich nach Deutschland, um meinen Vater zu suchen!"

"Ach, entschuldigen Sie bitte, ich wollte nicht unhöflich sein", sagte der Mann.

"Ich bin im Moment etwas missmutig gelaunt. Wissen Sie, ich war in New York, um einen wichtigen Vertrag zu unterzeichnen. Es ging um ein Geschäft in Millionenhöhe! Doch dann ist die andere Seite abgesprungen. "Zu viel Risiko", hieß es. Jetzt muss ich meinen Angestellten in Deutschland erklären, daß sie im nächsten Monat höchstwahrscheinlich keine Arbeitsstelle mehr haben!"

"Nun", entgegnete Joseph, "das ist wahrlich keine leichte Aufgabe. Aber vielleicht muß es gar nicht zu einem Konkurs kommen. Ich hätte da schon eine Idee, wie ich Ihnen und Ihrer Firma helfen könnte!"

"Das wäre ja fantastisch", jubelte der Mann. "Ich bin für jeden Ratschlag dankbar. Sagen Sie mal, ihr Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor. Sind Sie nicht dieser berühmte Gewinnwahrsager, von dem ganz New York zur Zeit spricht?" "Ganz recht", antwortete Joseph, "aber behalten Sie das bitte für sich! Ich reise praktisch inkognito!"

"Kein Problem, wenn auch Sie mir einen Gefallen tun: Besuchen Sie mich in meinem Hotel in Bad Pyrmont – auf meine Kosten, versteht sich! Die Suche nach Ihrem Vater kann doch sicherlich noch ein paar Tage warten".

Es war ein lauer Frühlingsabend, als Joseph die Eingangshalle des Hotels "Kaiserhof" betrat. Sein Gastgeber Reinhard Winter hatte als Dankeschön für die neuen Erfolge seines Unternehmens zu einem opulenten Abendessen mit anschließenden Casino-Besuch geladen. Der Speisesaal war festlich beleuchtet, und Joseph freute sich auf ein paar schöne Stunden in angenehmer Gesellschaft.

"Morgen", sagte er leise, "werde ich weiter reisen, um Vater zu suchen. Vielleicht habe ich Glück, und Tante Sofie kann mir helfen".

Gerade als er sich umdrehte, um dem Portier seinen Mantel zu überreichen, erblickte Joseph eine Gestalt, die mit gesenktem Kopf an ihm vorüber lief. Die geduckte Körperhaltung schien ihm seltsam vertraut.

"Das gibt es doch nicht", rief er überrascht. "Vater, bist Du das?" Wie erstarrt blieb die Person stehen und drehte langsam ihren Kopf. Es war Richard von Jalan.

"Joseph, mein Junge", murmelte er mit zitternder Stimme, "was um alles in der Welt machst Du hier?" "Dasselbe könnte ich Dich fragen", entgegnete Joseph. "Oder hast Du vergessen, daß Du eine Ehefrau hast, die auf Dich wartet?"

"Ach, Joseph, es ist so viel Zeit vergangen. Damals, als ich von zu Hause fortging, dachte ich, ich täte Deiner Mutter und Dir einen Gefallen. Ich konnte es einfach nicht ertragen, Euch leiden zu sehen. Deshalb schwor ich mir, erst dann zurückzukehren, wenn ich imstande sein würde, Euch das Leben bieten zu können, das Ihr verdient habt. Wie Du siehst, habe ich es bis heute nicht geschafft, mir diesen Traum zu erfüllen. Ich arbeite seit über zehn Jahren als Nachtwächter in einem benachbarten Hotel. Es gehört einer Freundin Deiner Tante Sofie!"

"Aber Vater", sagte Joseph und nahm den alten Mann in den Arm, "wenn Du Dich nur ein einziges Mal bei uns gemeldet hättest, wüßtest Du, daß wir schon lange keine finanziellen Sorgen mehr haben. Kurz nachdem Du verschwunden warst, hat Mutter in der Lotterie gewonnen. Und was mich betrifft, so laß Dir versichert sein: Geld-Probleme kenne ich nicht!"

Eine Woche später kehrte Richard zu seiner Frau nach Orlando zurück.

Joseph von Jalan reist seither als einzig wahrer Gewinnwahrsager durch die Welt, immer auf der Suche nach Menschen, die ihm auf den Wegen des Schicksals begegnen. Vielen Reichen und Prominenten hat er so bereits zu Ruhm und Erfolg verholfen. Sein Aufenthaltsort ist streng geheim!


Diese Biographie fand ich im Büchlein:
"Alles über die großen Seher, Medien und Astrologen!"
zusammengestellt von Dr. Mariea Chevalier, Ron Smith als Herausgeber.

Nachtrag:
Das war einmal - heute viele Jahre danach würde ich die Person des J.v.J. als Betrüger einstufen.
Bitte, nehmt es als schöne Geschichte - fernab meiner zwischenzeitlichen Erfahrungen mit dieser Person!
Man muss auch in Rechnung ziehen, dass es Trittbrettfahrer gibt, Nachahmer oder Möchte-gern-Wundertäter unter diesem Namen.


Ich selbst führe seit Jahrzehnten astrologische Beratungen durch, – auch wenn ich heutzutage zur Vereinfachung neige, indem ich ein professionelles Computer-Programm, mit vorzüglichen Textbausteinen, die Hauptarbeit machen lasse. – An den Grundfragen der Menschheit hat sich bis heute nichts geändert. So zeige ich heute noch auf das Orakel zu Delphie mit den drei Fragen:

Die Kinesiologie war mir über Jahre hinweg sehr hilfreich, um unklare Zustände zu überprüfen und neue Wege zu ertesten. – In letzter Zeit unterstützen mich bei diesem Vorhaben, die Wahrheit hinter dem Schein herauszufinden, einfache Symbole.

Ich glaube an Engel und an die Unterstützung durch andere Energie-Ebenen, an eine Macht größer als ich selbst. So nähre ich das gesunde Urvertrauen, das in jedem Menschen angelegt ist, und ohne dieses das Leben vieler Menschen in Verzweiflung endet. – Ich hatte über ein Jahrzehnt hinweg Gelegenheit in meiner Selbsthilfe-Gruppe viele Menschenschicksale kennen und verstehen zu lernen. Das gab wiederum ein Bewußtsein meiner Selbst: "Oh Mensch, erkenne dich selbst!" – wer darauf verzichtet, läuft vor sich selbst weg in die Irre oder muß die Schöpferenergie mit Suchtmitteln oder Tabletten töten.


Klaus Päßler, Kurt-Schumacher-Allee 71, D-28327 Bremen

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